V    Den Nagels ist er entkommen, die schon
den Oskar Werner auf dem Gewissen hatten, Totentrompeten des Theaters im Westen. So entkam er den Fs-Richtern der Zeit als Autor sui genie-ris. Und seines tobenden Über-kollegen Abgang vom BE wegen seines Theaters war sein grösster Erfolg im Betrieb, um den er bemüht sein musste, wenn er seine Chor-Ensembles brauchte und die grosse Technik dazu. Denn Aldi-Jünger der  bescheidenen Einfalt war er nur privat. Was er aber bei andern Vätern, langweiliger Natur, suchte, war ein Vergehen, das uns große Auftritte kostete, ihn mit dem eigenen Herkommen konfrontiert zu sehen, wie mit sich und uns. Seltsamer Ich-Künstler, der aus diesem Kosmos lebend, sich in Anderen suchte, und oft soviel Schwächeren der Sprache. Wie er sich Bildern übergab, Fotos, von solchen, die sich ranschmeißen, an das Leiden aus dem Alles ist, flache  Raffinesse der flüchtigen Reize konstruierend. In der Documenta so ihn dokumentiert zu sehen, musste ich verhindern, und wenn sein Auftritt daran scheiterte.

Er war der Einzige aus dem real existierenden System des Theaterbetriebs mit eigener Ästhetik. Seit Brecht. Warum hat man ihm nicht ein eigenes Haus gegeben, wie  Kollegen der Regie, und diese ohne Autorenstatus. Und selbst solche, wie Stein oder Peymann waren keine Chefs, ohne ihre kaufmännischen und dramaturgischen Hilfen, und auch sonst (siehe Th. Bernhard nach Hennetmair). Wäre interessant gewesen, wen er sich eingeladen als Gäste. Soviel Geld und sowenig Phantasie der Politik. Auch der Futterneid der Kollegen provozierte seinen outcast -Status. So sahen wir ihn irren in Berlin und Wien und Frankfurt, Nürnberg und Düsseldorf, wie einst Kortner, und in ungute Verhältnisse kommen. Ein Appell an seine Verantwortung hätte so explosiv wirken können unter uns, wie ein Brecht in der DDR. Einmal kurz vor der neuen Programmierung des Schiller Theaters, die Verträge waren schon gemacht und einklagbar, schien es möglich. Der Faust kam nie mehr fertig heraus. Verloren mit dem einzigen National Theater Deutschlands, nach neuer Einheit.

Was aber ist das alles angesichts des Todes, des unerbittlichen, Endes aller. Eines, der so kräftig war, an Statur und innerer Energie, vielen Zentrum der Magie des Lebens selbst und seiner  tönenden, bildhaften Kreise. Voraus und wär doch gern geblieben, wie nur je einer von uns. Manchem hat er im Tode dann doch Größe abverlangt, ihn zu erkennen. Im Blick hinterher. Wie von  einer Last sich zu befreien. Und wenn sie ihm Gutes antun wollten, dem Verdächtigten, taten sies mit der Hilfe von Karl Kraus und Kafka, mindestens. Ist aber nicht tot. Wird erst jetzt bewusst vielen werden, das kann versichert werden, Drohung den einen, Trost der Freude den anderen, was da war und ist und sein wird als Kraft, die Form geworden. Und darum ist es gerade angesichts des Todes schönste Zuversicht, wenn so etwas sein kann und wird. Woran er treulich mitgewirkt, zu erhalten und zu fassen, was so einer gewollt. So sehr auch in die Luft geschrieben.

 *

         [Syberberg/origin]   [Syberberg2/autobiography] [Syberberg3/actual activities ] [aktuelle Termine]