


Es war still, als im Saal des Berliner Delphi-Palasts wieder das Licht anging. Der Film, über den sich schon viele das Maul zerrissen hatten, ohne mehr davon zu kennen als ein paar Stills oder den düsteren Trailer, nun hatten ihn zumindest die Berliner Journalist:innen endlich gesehen, und erstmal bekam keine:r den Mund auf.
Erst, als alle sich aus ihren Stühlen erhoben und nach ihren Jacken kramten, hörte ich einen zu seiner Sitznachbarin sagen: „Da ist nichts dabei gewesen, was man nicht schon gewusst hätte.“
Es ist eine seltsame Eigenart des Diskurses rund um den Gaza-Krieg, dass diese Äußerung sich wie eine Stellungnahme für und nicht gegen die Notwendigkeit der Doku anhörte, die wir gerade gesehen hatten.
Denn das Schweigen der Leute in diesem Berliner Kino war ein eloquentes – viel eloquenter als das performative 25-minütige Klatschen bei der Biennale in Venedig zweieinhalb Wochen zuvor in Anwesenheit der beiden Filmemacher:innen, Yuval Abraham und Rachel Szor.
Das Schweigen sagte:
Das war jetzt einer dieser Momente, nach denen nichts mehr so ist, wie es war, als man noch so tun konnte, als sei nichts gewesen.
Das Schweigen sagte implizit dasselbe, was auch der Journalist zu seiner Kollegin bemerkte, bloß andersrum:
Nach „NAZA“ wird niemand mehr behaupten können, man habe ja nichts gewusst.
Das ist der eigentliche Zweck des Films. Denn tatsächlich konnte, ja sollteman längst wissen, wovon er berichtet.
Einiges davon, was Abraham selbst, nebst anderen Journalist:innen aus seiner kleinen, unerschrockenen israelisch/palästinensischen Blase in den letzten drei Jahren schrieb, hat weite Kreise durch die Weltpresse gezogen.
Zum Beispiel die Recherchen über die Funktionsweise einer KI namens „Lavender“, die durch die bloße Analyse von Mobiltelefon-Metadaten „Terroristen“ identifiziert, mit einem einkalkulierten Fehldiagnosen-Anteil von 15 Prozent.
„Wir wussten nicht einmal, wer die sind“, sagt ein Interviewter, der vom Computer aus gezielte Bombenabwürfe auslöste – eines seiner Ziele stellte sich als eine 80-jährige Frau heraus. „Es ist wie ein Videospiel, das haben alle gesagt.“
„Gaza wurde zu einer Fabrik von Bombardierungszielen“, sagt ein anderer.
Soviel zur von der IDF vorgebrachten Rechtfertigung, alle von der KI ausgewählten Ziele müssten erst von Menschen bestätigt werden: Was sollen sie denn sagen, diese Menschen, wenn das Prinzip der Zielauswahl ein Algorithmus ist, dessen Funktion sie gar nicht überprüfen können? Was können sie anderes tun, als dem Algorithmus vertrauen? Sie haben für jede Entscheidung nur 20 Sekunden Zeit.
Tatsächlich erinnert diese Praxis anonymer, KI-produzierter Todesurteile, in denen der Mensch zum Assistenten wird, an die Versuchsanordnung des berühmten Milgram-Experiments in den 1960ern. Damals, unter dem noch frischen Eindruck der NS-Verbrechen, war das noch ein schockierendes Beispiel für Autoritätshörigkeit, die schnell mörderisch werden kann. Heute ist es normalisierter Arbeitsalltag für Menschen in der IDF-Zentrale von Tel Aviv, die nachher in die Stadt auf einen Drink mit Freund:innen gehen – aufgeputscht davon, was sie gerade am Bildschirm erlebt haben. Es braucht nicht viel Fantasie, um zu begreifen, dass so der permanente Kriegszustand der Zukunft aussehen wird – Videospiel für die einen, Tod für die anderen, derzeit erprobt an palästinensischen Körpern.
Aber das ist nur eine von vielen Assoziationen, für die „NAZA“ (das ganz ohne einordnende Kommentare aus dem Off auskommt) einem den nötigen Platz gibt, der beim Lesen eines faktendichten Texts oft fehlt.
Denn, wie gesagt, gewusst hatte man das alles ja schon.
Ebenso kannte man die Anwendung namens „Where’s Daddy“, die gezielt Telefone der Verwandten von Hamas-Kämpfern ausspioniert, um jene des Nachts zusammen mit ihren Familien auszulöschen. „Weil es so einfacher ist“, wie einer der interviewten Soldaten im Film nüchtern erklärt – und er geht dabei selbst noch einen Schritt weiter: Wer Menschen absichtlich bombardiert, wenn sie zu Hause bei ihren Familien sind, könne dann schlecht behaupten, die Hamas verstecke sich hinter „menschlichen Schutzschilden“. Das, so der Soldat, sei „absurd“.
„Du fühlst dich ein bisschen wie Gott,“ meint ein Mitglied einer Spezialeinheit des Geheimdiensts, die offenbar Zugriff auf alle Smartphones in Gaza hat, „weil du alles hörst, was sie sagen.“ Die letzten Worte seiner Opfer hören zu können, habe ihm „ein professionelleres Gefühl“ gegeben.
„Deine Hormone drehen durch“, sagt ein anderer. Man habe seiner Einheit psychologische Betreuung angeboten, aber die habe niemand gebraucht, denn „wir waren da alle richtig drin.“ Jeder Einsatz sei für ihn „ein verrückter Spaß“ gewesen. Der Mann, der das sagt, ist aber kein emotionsloses Monster, er spricht durchaus in kritischer Selbstbetrachtung, denn er sei inzwischen „enttäuscht“ über seinen eigenen Mangel an Emotionen, an Bedenken.
Eine Bildschirm-Soldatin erzählt, sie habe – sozusagen als Gnadenakt – auf Menschen, die verletzt am Boden lagen, noch eine weitere Bombe fallen lassen. Andere berichten von Haufen von Leichen auf dem Weg zur Essensverteilungsstelle, wo Scharfschützen alle niederschossen, die aus der Reihe tanzten. Ein Soldat beschreibt die Art, wie Menschen fallen, wenn man sie in vollem Lauf erschießt. Ein anderer spricht von überall herum liegenden Leichen, die von Hunden gefressen werden. Er habe das nicht mitansehen können, seine Kollegen an den Bildschirmen dagegen schon.
Zur Kontextualisierung der Interview-Szenen auf den Dächern von Tel Aviv schwenkt die Kamera zwischendurch über die Fenster der nächtlichen Stadt mit ihren intakten Hochhäusern. Man sieht Menschen auf ihren Sofas knotzen und in ihren Küchen kochen, während auf ihren Fernsehern die grimmigen Nachrichten flimmern. Ein paar Mal dringt die israelische Medienrealität in den Film ein. Wir hören, wie Israels Präsident Isaac Herzog in einer Rede die gesamte palästinensische Bevölkerung für den Überfall der Hamas am 7. Oktober 2023 schuldig spricht. All das Gerede über unschuldige Zivilist:innen sei „Unsinn“, sagt er, „eine ganze Nation ist verantwortlich.“
Unweigerlich fallen einem dabei die Mahnungen ein, doch zwischen Israel und seiner Regierung, am besten auch noch zwischen seiner Regierung und deren verschiedenen Mitgliedern zu differenzieren, ehe man pauschalisiere, denn das wäre doch… wie heißt gleich das Wort?
Und falls eine:r fragt: Ja, der 7. Oktober kommt in diesem Film – anders als im Vorhinein manche behaupteten – reichlich zur Sprache. Allerdings nicht so, wie wir es aus der Berichterstattung über Gaza kennen, als wie ein Disclaimer beigefügte Relativierung und Rechtfertigung alles seither Geschehenen.
Sondern als das geteilte Trauma der Gesellschaft, in der die Soldat:innen leben.
Indessen verhandeln die Interviewten mit Abraham ihre eigene Schuldfrage in altbekannten Phrasen:
„Ich bin nur ein kleines Rädchen.“
„Wenn es nicht ich gewesen wäre, hätte es jemand anders getan.“
„Alles, was ich sagen kann, ist, dass wir die Mission erfüllt haben.“
„Meine Rolle ist rein technisch und hat mit moralischen Fragen nichts zu tun.“
Dann zieht einer der Interviewten unaufgefordert den heikelstmöglichen Vergleich: „Ich hatte mich immer gefragt, wie die Deutschen damit leben konnten, was sie in sich hatten. Heute verstehe ich es.“ Er sehe die Nazis immer noch als die Bösen, „aber was macht das dann aus mir?“
„Ja“, setzt er fort und bringt auch noch das G-Wort ins Spiel, „Ich habe an einem Genozid teilgenommen.“ Er habe mit Absicht getötet. „Wir hatten die Absicht, diese Kinder umzubringen.“ Dazu schneiden Abraham und Szor Bilder einer Schweigeminute in Tel Aviv am Holocaust Rememberance Day.
Dass das in Israel kontrovers ist, kann man sich vorstellen – noch kontroverser ist es bloß in Österreich und Deutschland, wo Vergleiche Israels mit Nazi-Deutschland per Definition als antisemitisch gelesen werden. Aus israelischer Sicht ist der Nazi-Vergleich als moralischer Maßstab dagegen ziemlich naheliegend. Schließlich setzt man ihn ständig gegen seine Gegner ein.
Am Abend vor der Pressevorführung erklärte mir ein in Berlin lebender israelischer Freund, was die dortige Öffentlichkeit an „NAZA“ schockiere, seien nicht die Enthüllungen darüber, was in Gaza passiert, sondern dass die Soldat:innen, die über ihre Taten sprechen, „Leute wie wir“ seien. Nicht ein Ben-Gvir oder ein Smotrich, mit dergleichen man nichts zu tun habe, sondern, wie es einer der Geheimdienstler im Film selbst sagt, „Linke aus Tel Aviv, Kinder der oberen Mittelschicht.“
Der Filmtitel „NAZA“ist das Akronym für den hebräischen Ausdruck „Nezek Agavi“, übersetzbar als „Kollateralschaden“. Die Älteren unter uns erinnern sich noch daran, wie schockierend der Ausdruck „collateral damage“ klang, als er 1999 anlässlich der NATO-Bombardements im Krieg um den Kosovo aus dem amerikanischen Militärjargon Eingang in den Sprachgebrauch von Politiker:innen und Journalist:innen fand.
Die Empörung über diesen Euphemismus, der den Tod Unbeteiligter als Nebensache dem militärischen Nutzen unterordnet, war so groß, dass „Kollateralschaden“ in jenem Jahr in Deutschland zum „Unwort des Jahres“ gewählt wurde.
27 Jahre später wird einem von diversen bedingungslos Israel-loyalen Diskutant:innen allen Ernstes erklärt, das im Akronym „NAZA“ ausgedrückte Avisieren von Kollateralschäden sei im Gegenteil ein Beweis der besonderen Fürsorge der IDF. Die Zahl der bei einem Angriff geopferten Zivilist:innen überhaupt in Betracht zu ziehen, gilt schon als Akt des Großmuts.
Mich erinnert diese Logik an eine andere Doku aus dem Vorjahr, „Put Your Soul on Your Hand and Walk“ von der exil-iranischen Filmemacherin Sepideh Farsi, die dem speziellen Problem, aus Gaza zu berichten – eine eingesperrte Bevölkerung und eine ausgesperrte Medienöffentlichkeit – auf andere Art begegnete. Farsis Doku bestand aus – leider ermüdend wackelig abgefilmten – Video-Gesprächen zwischen der Filmemacherin und der in Gaza festsitzenden palästinensischen Fotografin Fatima Hassouna.
Am Ende des Films erzählt Farsi Hassouna aufgeregt, dass ihrer beider noch unfertige gemeinsame Arbeit für einen Preis beim Filmfestival in Cannes nominiert sei. Tags darauf wird Hassouna samt ihrer neunköpfigen Familie durch einen gezielten israelischen Bombentreffer getötet. Offiziell, weil sich laut Angaben der IDF ein Hamas-Kämpfer in deren Haus aufgehalten habe. So als rechtfertigte das schon automatisch das Opfer der Fotografin und all ihrer Angehörigen.
Die Erinnerung an diese Schreckensnachricht hallt – im Unterschied zu so vielen anderen, längst überlagerten – immer noch in mir nach, weil ich am selben Tag, als der Guardian von Hassounas Ermordung berichtete, dem 16. April 2025, im österreichischen Standard unter dem Titel „Schon wieder kein Völkermord?“ einen Kommentar des Schriftstellers Richard Schuberth las. Der Autor schrieb darin von „unglückliche[n] Zivilistinnen und Zivilisten, die in diesem Krieg ihr Leben verloren haben.“ Als wäre es ein Fall von höherer Gewalt.
„NAZA“beschreibt das Gegenteil, eine unerbittliche Arithmetik. Das Leben dieser Unschuldigen geht eben nicht schicksalshaft verloren, es wird bewusst als vernichtenswert kalkuliert.
Aus den Interviews im Film erfahren wir, dass ein „NAZA“-Faktor von 20 in der Auswahl von Bombenzielen Routine und „keinen zweiten Gedanken“ wert sei. Für die Tötung eines einzelnen hochrangigen Hamas-Mitglieds sei schon eine „NAZA“-Zahl von 500 bewilligt worden. In einem solchen Fall wähle man Bomben, die eine ganze Nachbarschaft ausradieren, um den Tod eines Hamas-Kämpfers sicherzustellen. Die Vorab-Kritik des Films hat sich an dieser von der IDF abgestrittenen konkreten Zahl abgearbeitet, dabei geht es hier natürlich um die Logik des Systems: Die Zahl getöteter Zivilist:innen wird zu einer Art Punktezahl, die die Größenordnung des Ziels benennt. Je höher NAZA, desto wichtiger der Treffer.
„Es gibt zwei Wirklichkeiten“, sagt einer der interviewten Soldaten in „NAZA“: „Eine, die sichtbar, und eine, die unsichtbar ist.“ So weit, so Schrödingers Katze, aber man möchte noch eine dritte Sorte hinzufügen: Die Wirklichkeit, die man nicht sehen will. Vielleicht noch eine vierte: Die Wirklichkeit, die einfach nicht sein darf.
In ihrer israelischen Heimat wurden die Filmemacher:innen Abraham und Szor inzwischen der „blood libel“ (Blutverleumdung von Jüd:innen in der Tradition antisemitischer Ritualmordlegenden) bezichtigt, es gab Aufrufe von Regierungsmitgliedern, sie auszubürgern oder wegen Hochverrats anzuklagen, bei Protesten vor Häusern ihrer Verwandten wurde sogar lautstark die Todesstrafe gefordert.
Diese Reaktion lieferte paradoxerweise das stärkste Argument dafür, was dem Film als größte Schwäche angelastet wird: dass er sich nämlich auf anonymisierte Quellen beruft – die Interviewten erscheinen als schwarze Silhouetten, ihre Stimmen sind verfremdet, und diesen Schutz haben sie im derzeitigen politischen Klima in Israel auch ganz offensichtlich nötig.
Ich sagte eingangs, dass man alles, was in „NAZA“vorkommt, während der letzten Jahre schon lesen und wissen hatte können. Ich bezog mich dabei auf israelisch-palästinensische Medien wie +972 oder Local Call. Die dort veröffentlichten Berichte Abrahams und seiner Kolleg:innen wurden seither vielfach geprüft, nachrecherchiert und bestätigt – von internationalen und israelischen Medien wie Ha’aretz, der Washington Post, der New York Times und dem Guardian, der diese Film-Fassung auch redaktionell betreut und koproduziert hat.
Nun ist es eine weitere Eigenart des Gaza-Diskurses, dass selbst Leute, die (etwa während der Vernunftsprobe Covid) zu den besonneneren Zeitgenoss:innen gehörten, bei diesem Thema all diese Medien unter dem Zauberbann einer islamistischen Weltverschwörung wähnen. Und längst nicht nur die Medien, sondern auch UN-Organisationen und NGOs, die vor Ort arbeiten, bis hin zu Ärzt:innen und sogar Köch:innen, die dabei ihre eigenen Leben riskieren.
Diese rasenden Skeptiker:innen werden sich gewiss auch von „NAZA“ nicht zum Innehalten bringen lassen. Das menschliche Bedürfnis nach moralischer Eindeutigkeit ist eine harte Droge, der Drang zur Selbstdarstellung als „stabiler“ Charakter offenbar auch. Manche werden die anonymisierten Zeugenaussagen als Fake abtun, andere sind hinreichend verroht, um die pure Menschenverachtung der „NAZA“-Kalkulation mit Kommentaren der Sorte „So ist eben Krieg“ wegzuerklären.
Doch gerade die hysterische Vorverurteilung hat diesem Film eine Aufmerksamkeit verschafft, die Yuval Abraham und Rachel Szor vorher nicht zuteil geworden war. Und zwischen jenen, die schon alles zu wissen glauben, und denen, die nicht wissen wollen, gibt es immer noch eine Mehrheit von Menschen, für die „NAZA“eine echte Chance ist, ein wichtiges Stück mehr über diesen von Desinformation vernebelten Kriegsschauplatz und seine prägende Relevanz für unsere und kommende Zeiten zu erfahren, (fast) ohne traumatisierende Bilder des Grauens und jenseits des eingeschränkten Blickfelds der immer noch vom Schlachtfeld ferngehaltenen Medien.
„Wir radieren Geschichte aus“, sagt einer der Soldaten, als er beschreibt, wie die Häuser getöteter Familien samt ihren Fotoalben und Andenken anschließend systematisch verbrannt werden.
Zumindest dieser Akt des Ausradierens ist nun erhalten, als Teil unserer selbsterlebten Zeitgeschichte, in diesem wichtigen Film.
Doch, wird man einmal sagen können, man hat sehr wohl davon gewusst.





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an andere Stelle dort über zunehmende Aktivitäten der Nato im Luftraum um K. Enklave